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Helmuth Berking, akademie/co Temporäre Kunsthalle Berlin 27.8.2009

 

Auszug aus: H. Berking: „Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen“ - Skizzen zur Erforschung der Stadt und der Städte; der vollständige Text findet sich in: Berking/Löw(Hg.): Die Eigenlogik der Städte. Frankfurt/Main: Campus 2008.

 

 

„Die Eigenlogik der Städte“

 

Es gibt kaum ein Thema, das nicht an und in den Städten imaginiert worden wäre. In den Städten verweilt das Gedächtnis der Menschheit, Städte sind Weltanschauungen, Lebensformen, Philosophien, Räume des Begehrens, Arenen der Macht und ihres Verfalls, Stein gewordenen Geschichte und der Zukunft zugewandt. Was aber ist die „Stadt“? Solche Fragen dürfen Kinder stellen. Für die Wissenschaften, zumal im Zeichen des radikalen Konstruktivismus, ist das „Was“ tabu, in jedem Falle aber höchst suspekt. Die Verführung freilich bleibt, impliziert doch jedes Reden über die „Stadt“ ein Wissen darüber, was die Stadt denn sei. Um dieses Dilemma zumindest ein wenig zu entschärfen, soll die Erkenntnisabsicht genauer formuliert werden. Nicht: Was ist die Stadt, sondern: „Was ist die Stadt als Objekt des Wissens“, als Gegenstand der Sozialwissenschaften? Ich werde zunächst einige, zumindest für mich irritierende Befunde aus dem Feld der Stadtforschung vorstellen, um Ihnen dann einen Vorschlag zur Diskussion anzubieten, der sich der unverschämten Frage: „Was ist die Stadt“ tatsächlich stellt. Der Versuch einer Antwort wird sich auf zwei konzeptionelle Zugänge konzentrieren: auf raumtheoretische und auf wahrnehmungstheoretische Zugriffe zur Gegenstandskonstitution, die in ihrem Zusammenspiel einen Konzeptbegriff „Stadt“ ermöglichen und die These von der Eigenlogik der Städte verdeutlichen sollen.

 

 

I. Die „Stadt“ und die Soziologie

 

Die gegenwärtige Problemkonstellation stadtsoziologischer Forschung lässt sich anhand zweier komplementärere Theorieprogramme kurz und grob so typisieren, dass eine Leerstelle scharf ins Relief tritt.

 

Auf der einen Seite findet sich die bereits mit der Chicago School beginnende Theorietradition, ‚Stadt’ als Laboratorium für Gesellschaftsprozesse jedweder Art zu konzeptualisieren. Die Stadt ist eine Adresse, um die Krisenphänomene des Kapitalismus, der Moderne oder der Postmoderne, der Globalisierung oder Unterentwicklung zu lokalisieren. Diese subsumptionslogische Theoriefigur, für die „die Stadt nur der Ort (ist), an dem die Gesellschaft in ihrer Struktur und ihren Konflikten erscheint“ (Siebel 1987: 11), erreicht in der „new urban sociology“ (Lefebvre 1972; Castells 1977, 1977a ; Harvey 1989, 1996) ihre kohärente Form und ihren wirkungsmächtigsten Ausdruck und wird schließlich auch zu einem zentralen Paradigma bundesrepublikanischer Stadtsoziologie (Häußermann/Siebel 1978, 2004; Häußermann 1991, 2001; Krämer-Badoni 1991).

 

Auf der anderen Seite lässt sich seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts eine gesteigerte Aufmerksamkeit für kleinräumige Vergesellschaftungsprozesse - im Stadtteil, im Quartier, im Milieu etc. - beobachten. Hier richtet sich das Erkenntnisinteresse explizit auf die Verräumlichung sozialer Besonderheiten (Berking/Neckel 1990, Blasius/Dangschat 1994, Dangschat 1999, Matthiesen 1998). Es geht um Lebensformen, um Lebensstile, um Migrations- und Armutsquartiere, kurz, um die spezifischen Orte spezifischer sozialer Gruppen in der Stadt. Während so das Forschungsproblem „Stadt“ gleichsam unter der Hand in der Konkretion von Stadtteilen und Quartieren verloren geht, verweigern sich die subsumptionslogischen Theoriestrategien der Gegenstandskonstitution „Stadt“ mit der expliziten Grundsatzentscheidung, Stadtforschung nur mehr als Gesellschaftstheorie zu betreiben. Die einen, so scheint es, erwarten zu wenig, die anderen freilich wollen zuviel. In beiden Fällen verschwindet die „Stadt“ und mit ihrem Verschwinden bleiben bedeutsame Wissenshorizonte verriegelt. Die stadtsoziologische Forschung ohne Stadt ist nicht nur blind für die Differenz zwischen Städten, für die Eigenlogiken und lokalen Kontextbedingungen dieser im Unterscheid zu jener Stadt, sondern auch für die „Stadt“ als Wissensobjekt selbst (vgl. Berking/Löw 2005). Diese zugegebenermaßen grobschlächtige Typisierung führt zu einer Erwägung, die sich als Verdacht formuliert. Könnte es sein, dass wir es in den letzten Dezennien mit einer Stadtforschung ohne Stadt zu tun hatten? Welche Disziplin hat sich, mit Ausnahme der Geschichtswissenschaft, um die Analyse der individuellen Gestalt dieser im Unterschied zu jener Stadt tatsächlich gekümmert?

 

Die ebenso überraschende wie irritierende Feststellung, das die „Stadt“ kein Gegenstand der Soziologie, das Zentrum der Stadtforschung leer und die Theoriebildung weitgehend uninteressiert ist, liefert das Motiv für den Versuch, einen Konzeptbegriff „Stadt“ zu skizzieren. Wenn man bedenkt, dass die Soziologie selbst ein Kind der Großstadt ist, wird man in den tradierten Wissensbeständen sicherlich wichtige Hinweise und Ansätze für eine „Soziologie der Stadt“ finden. Dass die Großstadt in der Gründungsphase der Soziologie als ein revolutionär Neues erlebt und auch thematisiert wurde, steht außer Zweifel – man denke nur an die über den „Markt“ konstruierte Typologie von Produzenten- und Konsumentenstadt, die Max Weber zur Charakterisierung der okzidentalen Stadt entwirft, an die heute als Gründungsdokumente der Stadtsoziologie gefeierten Arbeiten Georg Simmels, aber auch an Robert Parks Beobachtung, dass „it is because the city has a life quite its own that there is a limit to the arbitrary modifications which it is possible to make (1) in its physical structure and (2) in its moral order“(Park 1967: 4; orig. 1925). Die Stadt, ein Phänomen, das sich von sich aus evident macht, „a state of mind, a body of customs and traditions, and of the organized attitudes and sentiments that inhere in these custons and are transmitted with this tradition“(Park 1967:1) ist in den Augen ihrer Beobachter wie Kritiker zweifelsfrei eine genuin eigenständige Vergesellschaftungsform. Gleichwohl scheint die historische Konstellation durch und durch paradox. Die Großstadt hat bereits in dem Augenblick als Wissensobjekt ausgespielt, in dem sie sich als zentraler Erfahrungsraum aufdrängt. Es ist die Großstadt, die die ‚moderne Gesellschaft’ repräsentiert, ohne dass die Wissenschaft von der modernen Gesellschaft die Stadt in ihr grundbegriffliches Repertoire aufgenommen hätte. Es ist die Großstadt, die der Anschauung das empirische Material liefert, aus dem die Theorien der Gesellschaft entstehen, ohne dass die Stadt ihrerseits theoretisch bedacht worden wäre. Und es ist die Großstadt, von der heute mit einer ebenso irritierenden wie wirklichkeitsresistenten Selbstgewissheit behauptet wird, dass sie „nicht mehr als definierend für Modernität verstanden werden (kann)“ (Stichweh 2000: 203).

 

Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach der Stadt als Wissensobjekt der Soziologie nicht trivial. Welche allgemeinen Aussagen lassen sich über die „Stadt“ formulieren und, wenn möglich, zu einem gehaltvollen Konzeptbegriff zusammenführen? Gesucht wird nach einer Theorie der Stadt, die gegenüber Subsumptions- wie Konkretionslogik eine eigenständige Stellung zu behaupten und einen gewissen analytischen ‚Mehrwert’ zu versprechen vermag. Tatsächlich mehren sich nicht nur die empirischen Hinweise, sondern auch die vor allem im Kontext des soziologischen Globalisierungsdiskurses entwickelten theoretischen Einsprüche gegen einen Konzeptbegriff von „Gesellschaft“ (vgl. Giddens 1990, Beck 1997, Albrow 2002, Urry 2000), der zur analytischen Erschließung der Stadt heute kaum noch hinreichend scheint. Was wäre, so könnte man spielerisch einen Perspektivwechsel imaginieren, wenn das Register „Gesellschaft“ nicht länger oberste Referenz für die Stadt, sondern umgekehrt, wenn alle Gesellschaft ‚Stadt’, ‚Stadtgesellschaft’ wäre, man also der Stadt die theoretische Aufmerksamkeit erwiese, die sie historisch ebenso wie aktuell verdiente?

 

Die Skizze zur Konstitution eines soziologischen Wissensobjekts „Stadt“ ist raumtheoretisch fundiert. Es geht um die analytische Erschließung dessen, was Edward Soja „the spatial specificity of urbanism“ (Soja 2000:8) genannt hat. Auch in diesem Zusammenhang gibt es historische Wissensbestände, an die sich anschließen lässt. Einen ersten und für die stadtsoziologischen Forschung außerordentlich prägenden Versuch, Urbanität als spezifische räumliche Vergesellschaftungsform konzeptionell zu fassen, hat Louis Wirth 1938 mit den Kriterien „size“, „density“ und „heterogeneity“ vorgelegt. Wirts Erkenntnisinteresse freilich zielt auf „Urbanität als charakteristische Lebensform“, als deren typische Merkmale er (1) eine spezifische „physisch- reale Struktur“, (2) ein spezifisches „soziales Organisationssystem“ und (3) einen „festen Bestand an Haltungen und Gedanken“ (Wirth 1974:58) identifiziert.

 

Wenn der privilegierte Ort dieser „Lebensform“ die Großstadt ist, mag der Versuch ebenso naheliegend wie aussichtsreich sein, das starke Konzept von „Urbanität als Lebensform“ auf das Konzept von „Großstadt als räumliche Form“ herunter zu deuten. Denn Größe und Dichte sind zuallererst räumliche Marker, genauer: räumliche Organisationsprinzipien, die in ihrem Zusammenspiel mit Heterogenität ein gewisses Proportionengefüge aufweisen. Erst eine bestimmte (und bestimmbare?) Proportionalität zwischen allen drei Größen „macht“ Großstadt – und das immer und überall. In dieser Lesart ist „Stadt“ nicht nur Kontext, Hintergrund, Feld, Medium, sondern zuallererst „Form“, räumliche Form, oder präziser, ein sehr spezifisches räumliches Strukturprinzip.

 

 

II. Dichte: Stadt als raumstrukturelle Form der Verdichtung

 

Das Ansinnen, „Stadt“ als eine spezifische räumliche Form zu konzeptualisieren setzt die logisch Markierung eines Abstandes, einer Differenz zu anderen räumlichen Formen voraus. Gerd Held hat den anspruchvollen Versuch unternommen, die Verräumlichung der Moderne analytisch zu erschließen (vgl. zum Folgenden Held 2005). Im Anschluss an die Beobachtung Fernand Braudels, dass Stadt und Territorialstaat in einer bestimmten historischen Konjunktur konkurrierende Organisationsformen räumlicher Einheiten darstellten – zwei Wettläufer, die eine lange Zeit auf Augenhöhe unterwegs sind - wird die These der Komplementarität von Stadt und Staat als räumliches Signum der Moderne entwickelt. Nicht „Stadt und Land“, sondern „Territorium und Großstadt“ bilden den Bezugsrahmen für eine raumstrukturelle Differenzierungsleistung ganz eigener Art: die Separierung von räumlichen Einschluss- und Ausschlusslogiken. Historische Grundvoraussetzung für die räumliche Differenzierung der Moderne ist die Auflösung der fiktiven Einheit „Raum“, das Aufsprengen der alten, auf einer einfachen Geographie der Orte und Wege basierenden Ordnung. Territorium und Großstadt werden als raumstrukturelle Formen gefasst, Realabstraktionen, die räumliche Strukturbildung ermöglichen und sich wechselseitig verstärken. Das Territorium als räumliches Strukturprinzip setzt auf Ausschluss, die Großstadt auf Einschluss. Das Eine braucht die Grenze und erhöht auf diese Weise die Homogenität im Inneren, das Andere verneint die Grenze und erhöht die Dichte und die Heterogenität. Empirisch gilt zwischen beiden eine gewisse Proportionalität, die sich als Dichtegefälle ausspielt.

 

Folgt man diesen Überlegungen zu Territorium und Großstadt als den zwei zentralen raumstrukturellen Prinzipien der Moderne, ergeben sich gerade in Hinblick auf die Frage nach der Konzeptualisierung der Stadt als räumliche Form interessante Erwägungen.

 

1. Wenn Großstadt als raumstrukturelles Prinzip von Einschluss und Dichte thematisiert wird, verbietet sich eine (Kontinuitäts-)“Geschichte der Stadt“ von den Anfängen bis zur Gegenwart. Denn raumtheoretisch argumentierend gilt, dass etwa die mittelalterliche Stadt vor der raumstrukturellen Trennung von Einschluss und Ausschluss liegt und sich zumindest auf diesem Abstraktionsniveau nicht als raumstrukturelle Differenzierungsleistung zu erkennen gibt. Der Modus der Vergesellschaftung ist ein grundsätzlich anderer. Hier darf, wie in anderen Fällen auch, die Stadt-Land Differenz ihr volles Recht beanspruchen.

 

2. Versteht man Stadt als räumliches Strukturprinzip, als Form, die Verdichtung organisiert und reglementiert, ergeben sich weitreichende Konsequenzen im Hinblick auf die typischen Strategien der Gegenstandskonstitution. „Stadt“ ist dann nicht „Kommunikation“, „Interaktion“, „Lebensstil“, „Milieu“; Stadt ist nicht „face to face“ „Stadtteil“, Identität, Wirtschaftszentrum oder Habitus etc. Alle inhaltlichen Zugriffe kommen hier zwangsläufig zu früh. Auch der Städtevergleich setzt noch zu hoch an. Die lokalspezifischen Differenzen zwischen Musikstadt und Bierstadt etwa, sagen wir zwischen Wien und Dortmund, wären in einem raumtheoretisch instruierten Zugriff ihrerseits erst als Effekte der internen und in diesem Sinne, lokalspezifischen Differenzierungs- und Verdichtungsleistungen zu beschreiben.

 

3. Größe, Dichte und Heterogenität sind nicht als Quantitäten von sonderlichem Interesse, sondern einzig in ihren qualitativen Effekten. Schon Georg Simmel beschreibt das Zusammenspiel von äußerer Dichte und Kontaktintensität und innerer Reserviertheit. Die räumliche Logik des Einschlusses ist eine der systematischen Erhöhung der Kontaktintensität bei niedrigem Verpflichtungscharakter. Stadt organisiert Dichte durch die extreme Steigerung von Kontaktflächen. Elemente unterschiedlichster Art werden nicht nur zusammengebracht, sondern in einen „Aggregatzustand“ versetzt, der sie reaktionsfähig macht und ihre gegenseitige Einflussnahme verändert (Held 2005:230). Größe, Dichte und Heterogenität sind auch in Bezug auf die stofflichen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt von zentraler Bedeutung. Material- Energie- und Verkehrsströme, Wasser-, Wissens- und Menschenströme evozieren neue Wechselwirkungen durch Konzentration: Zivilisationskatastrophen und Seuchen ebenso wie technische Innovationen und sozialmoralische Anspruchsniveaus.

 

4. Großstadt als raumstrukturelle Form ist „Verdichtung in der Bewegung“ (ebenda: 240) nicht nur auf der stofflichen, sondern auch auf der institutionellen und sozialen Ebene. Verdichtung ist nicht Verdrängung, sondern Intensitätssteigerung im Einschluss. Dichte (und Dispersion) mögen, auch zeitlich, variieren. Immer weist die räumliche Struktur der Großstadt unterschiedliche Dichte- und Dispersionsstufen auf: das stabile Nebeneinander von Betrieben und Wohnstätten, das in der spezifischen Situation eines zentralen Platzes, Kaufhauses oder Stadions in ein verwirrendes Ineinander umschlägt und permanente „Transformationen“ evoziert. Held setzt den Begriff der Transformation – eine Ansammlung von Arbeitskräften wird zur Belegschaft, eine Ansammlung von Kunden wird zum Publikum etc – anstelle des Begriffs der Interaktion, um die Intensität und Breite dieses Modus der „einschließenden Vermittlung“ zu artikulieren (ebenda: 103). Dichte ist zugleich härteste Zumutung – das liefert das zentrale Motivbündel der Großstadtkritik - und Ermöglichungsraum, eine Temperatur, ein Hitzgrad, der die Reaktionsfähigkeit zwischen heterogensten Elementen bereitstellt und die unmöglichsten Verbindungen Wirklichkeit werden lässt.

 

5. Bei den raumtheoretischen und in diesem Sinne formspezifischen Erwägungen zu Dichte und Verdichtung spielen Maßstabswechsel und Proportionalitäten eine bedeutsame Rolle. Dabei geht es nicht um die Anwendung der ehrwürdigen Unterscheidung von Mikro- Meso- und Makroebene im Feld der Stadtforschung. Bezugsrahmen bleibt vielmehr die raumstrukturelle Logik des Einschlusses, die Art und Weise, wie Dichte sich auf verschiedenen Maßstabsebenen ‚artikuliert’. Was auf der Ebene von face to face und alltäglicher Begegnung – der Umgang mit Fremden etwa - als arbiträr und trivial, aber eben ganz und gar nicht folgenlos für den großstädtischen Sozialcharakter erscheint (Simmel) gewinnt aufgrund der großen Zahl im großstädtischen Verdichtungsraum eine spezifische Kohärenz als Teilstruktur eines großstädtischen Allgemeinen. Städtische Arbeits- Partner- und sonstige Märkte sind Zufallsgeneratoren ganz eigener Art, deren besondere Leistung darin besteht, die Wahrscheinlichkeitsrate systematisch zu erhöhen. Das schließt individuelles Scheitern nicht aus, schafft aber zugleich einen Möglichkeitsraum struktureller Korrespondenzen, die auf der Ebene einfacher Interaktion nicht in den analytischen Blick geraten. Es ist die Logik der raumstrukturellen Form selbst, die interne Differenzierungen hervortreibt. Eine Typologie der Stadt ließe sich so als Resultat unterschiedlichster Verdichtungen entwerfen.

 

6. Maßstab und Proportionalität spielen auch zwischen Ausschluss und Einschluss eine entscheidende Rolle. Die Differenzierung der raumstrukturellen Formen Territorium und Großstadt gewinnt den Charakter einer allgemeinen Ordnung: in der Globalisierung des Staatensystems auf der einen und der Globalisierung des Städtesystem auf der anderen Seite. Auch hier erlaubt die Konzentration auf die Art der Raumintervention interessante Differenzierungen. So wie das Interstaatensystem eine ‚andere’ Wirklichkeit repräsentiert als ein einzelner Territorialstaat, gewinnt die raumstrukturelle Form der Verdichtung im Städtesystem eine andere Dimension als in der Stadt. Städtehierarchien reflektieren arbeitsteilige und wechselseitige Verdichtungsleistungen, die ihrerseits über Reichweiten und Interdependenzen bestimmen. Das Feld der Städte, wenn man so will, ist selbst raumstrukturell differenziert. Es macht nämlichen einen erheblichen Unterschied in der Organisation von Dichte, ob eine Stadt eine Zentralfunktion innerhalb eines Territorium, einer Region, etc. innehat oder gleichsam in „Sichtweite“ eines weiteren Verdichtungsraumes agiert. Generell aber gilt, dass auf dieser Abstraktionsstufe die „Großstadt“ nicht als einzelne Stadt, sondern erst als großstädtisches System in ihrer Form und ihrem Potential entschlüsselt werden kann.

 

Die ‚Stadt’ als räumliche Form des vermittelnden Einschlusses, als raumstrukturelle Form der Verdichtung konzeptionell zu fassen, bietet den Vorteil, von allen ebenso kontroversen wie arbiträren Versuchen einer „inhaltlichen“ Begriffsbestimmung zunächst einmal absehen zu können. Was, wie und wo mit welchen Effekten verdichtet wird, sind dann die berüchtigten empirische Fragen. Für die empirische Forschung eröffnet sich so eine vielversprechende Perspektive, das insgesamt schwache Konzept, Stadt nur mehr als Arena für gesellschaftliche Probleme zu nutzen, durch die starke Hintergrund-orientierung zu ersetzen, die Stadt als Ganzes zu erforschen, die individuelle Gestalt ‚dieser’ im Unterschied zu ‚jener’ Stadt ins Zentrum der analytischen Aufmerksamkeit zu rücken und auf diese Weise die lokalspezifischen Modi der Besonderung zu identifizieren, ohne übereilt in Funktionszuschreibungen für das gesellschaftliche Ganze Zuflucht zu suchen. Zweifellos wird niemand bestreiten, dass es „Armut“ in Städten gibt. Allerdings gilt es genau dies zu bedenken: dass „Armut“ ebenso wie „Macht“ oder „Ausbeutung“ eben kein exklusiv städtisches Phänomen ist, man also den ‚Zuschuss’, den diese Stadt zur Gestaltung des Phänomens leistet, zuallererst einmal zu entziffern hat. Nicht Armut in München, sondern Münchner Armut als ein stadtspezifisches Phänomen, dass sich alltagspraktisch, institutionell und organisatorisch von dem in Liverpool oder Leipzig unterscheidet, lautet dann die Problemstellung für eine komparative Stadtforschung, die sich theoretisch um den Konzeptbegriff Stadt als raumstrukturelle Form der Verdichtung und empirisch um die Erforschung der „Eigenlogik der Städte“ organisiert. In diesem raumtheoretischen Zugriff ist „Eigenlogik“ zunächst relativ einfach als der für diese im Unterschied zu jener Stadt typische Modus der Verdichtung: von bebauter Umwelt, von Material- und Stoffströmen, Verkehrs- und Menschenströmen etc. zu operationalisieren.

 

Stadt als räumliche Form der Verdichtung markiert ein Erkenntnisinteresse, das sich jenseits der subsumptions- wie konkretionslogischen Ansätze der Stadtforschung situiert Die theoretische Aufmerksamkeit richtet sich, paradox genug, auf das Allgemeine einer distinkten räumlichen Vergesellschaftungsform. Was es empirisch zu entdecken und theoretisch zu modellieren gilt, ist die Eigenlogik der Städte, die Dynamiken der Besonderung, jene für uns Alltagsmenschen so fraglos gegebene Gewissheit, dass New York nicht Wanne-Eickel und Elmsbüttel nicht Chicago ist. Das aus dem Vergleich der individuellen Gestalten der Städte herauszupräparierende Allgemeine lässt sich theoretisch genauer beschreiben. Denn die raumstrukturelle Organisation von Dichte und Heterogenität zeitigt Folgen in Gestalt eines besonderen Bedingungsgefüges, einer „Wahlverwandtschaft“ zwischen räumlicher Organisation, materialer Umwelt und kulturellen Dispositionen: „Stadt“ geht mit Wahrnehmungs- und Gefühls-, mit Handlungs- und Deutungsschemata einher, die in ihrer Gesamtheit das ausmachen, was man als „großstädtische Doxa“ auszeichnen kann.

 

 

III. Doxa

 

In der sozialphänomenlogischen Theorietradition bezeichnet „Doxa“ jene auf Fraglosigkeit und Vertrautheit basierende ‚natürliche’ Einstellung zur Welt, die mich praktisch mit den Prinzipien des Handelns, Urteilens und Bewertens versorgt. Die Entdeckung der „Lebenswelt“ als „letzte Grundlage aller objektiven Erkenntnis“ (Husserl), die unter dem Stichwort ‚tacit knowledge’ mittlerweile selbst in der Managementliteratur zu einer erstaunlichen Prominenz gelangt ist, rückt die Modalitäten des natürlichen Welterlebens ins Zentrum der analytischen Aufmerksamkeit. Erkundungen in diese präreflexiven und unthematischen Bodenbildungen „lebensweltlichen Hintergrundwissens“ (Matthiesen 1997) haben zu konzeptionelle Erwägungen geführt, die sich im Hinblick auf die ‚Verräumlichung doxischer Weltbezüge’, wie sie im Begriff „großstädtische Doxa“ avisiert werden, als hilfreich erweisen. So lässt sich die Annahme, dass die alltagsweltlichen Erfahrungen zugleich sozial und kulturell spezifiziert und in ihrer Reichweite geographisch begrenzt sind, mit der von John Searle vorgeschlagenen „Minimal-Geographie des Hintergrunds“ (Searle 1983:183, zit. nach Matthiesen 1997:175) abstützen. Searle unterscheidet einen „tiefen“, gleichsam Gattungskompetenzen systematisierenden von einem „lokalen Hintergrund“, der auch lokale, doxisch fundierte Kulturtechniken einschließt. Und es ist dieser lokale, intern durch die Unterscheidung von „wie die Dinge sind“ und „wie man was macht“ strukturierte Hintergrund, der für die räumlichen Dimensionen der Lebenswelt von besonderem Interesse ist. Denn wenn die „stumme Erfahrung der Welt als einer selbstverständlichen“ (Bourdieu 1987:126) nicht voraussetzungslos ist – niemand lebt in der Welt im Allgemeinen – dann gehören Raumwahrnehmungen und Ortsbezüge, „senses of place“ (Feld/Basso 1996) fraglos zu den konstitutiven Rahmungen lebensweltlichen Hintergrundwissens. Die Konstruktion der habituellen Dispositionen, mittels derer die Welt sich selbst-evident macht, verbraucht Zeit und strukturiert Räume. Doxisch, oder selbst-evident ist daher auch die Erfahrung von Räumen und Orten, die Ausbildung jener auf der Unterscheidung von Vertrautem und Fremden basierenden „Heimwelt“ und die Konstruktion „stabiler habitueller Zentren“ (Waldenfels 1994:200 f.).

 

Doxische Weltbezüge implizieren doxische Ortsbezüge. “Es gibt keinen ‚natürlichen’ Ort, wohl aber signifikante Orte, so wie Mead von einem ‚signifikanten Anderen’ spricht“ (Waldenfels 1994:210). Für George Herbert Mead markieren die signifikanten Anderen die primäre Instanz des In-der-Welt Vertraut-Seins, ohne die das Niveau generalisierter Rollenübernahme nicht erreicht werden kann. In Analogie dazu wären signifikante Orte jene Prägestätten der prä- reflexiven Erfahrung von Räumen und Orten, von selbstverständlicher Zugehörigkeit und affektiver Einbindung, die noch jeden generalisierten und reflexiven Raum- und Ortsbezug zu grundieren vermögen. Doch der fraglos gegebene „Horizont der Vertrautheit und des Bekanntseins“ (Schütz 1971:8) kann sich verdunkeln, die Erfahrung und die Behandlung der Welt als einer selbstverständlichen kann zerbrechen, kurz, doxische Gewissheiten, gerade weil sie auf der Kongruenz räumlicher Formen und habitueller Dispositionen beruhen, werden erschüttert, wenn die Routinen nicht greifen und die unmittelbare praktische Übereinstimmung zwischen den ganz gewöhnlichen Gewohnheiten und der räumlichen Umgebung, auf die diese abgestimmt sind, sich nicht herstellt.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint die „Großstadt“ zunächst als offenkundige Zerstörerin doxischer Gewissheiten. Auf Dauer gestellte Verdichtungsdynamiken, hochgetriebene Heterogenisierungsprozesse und mit ihnen die Pluralisierung von Normalitätsunterstellungen lassen die raum- und ortspezifischen Dimensionen von Vertrautheit und Zugehörigkeit prekär und die Ausbildung stabiler habitueller Zentren unwahrscheinlich werden.1) Doch dies bleibt nicht das letzte Wort. Denn auch die Großstadt nötigt zur praktischen Übereinstimmung, auch sie evoziert eine ‚natürliche Einstellung’ zur Welt, die sich als großstädtische Doxa Ausdruck und Geltung verschafft. Es kommt zur Verstädterung lebensweltlichen Hintergrundwissens. Die These von der Verstädterung der Lebenswelt lässt sich von der Annahme leiten, dass ähnlich wie im Falle technischer Großsysteme - Wasser, Elektrizität etc. – städtische Erlebnis- und Wahrnehmungsweisen in den unthematischen Horizont lebensweltlichen Hintergrundwissens einrücken. Der lokale Hintergrund und die ihm, und nur ihm eigenen doxischen Kulturtechniken sind nicht nur städtisch, sondern auch lokalspezifisch präfiguriert. Die Klassifikation als ‚großstädtisch’ verweist auf relevante Verschiebungen und bedeutsame Abstände. Denn großstädtische Doxa lässt sich gleichsam als Resultat erschütterter Doxa fassen, handelt es sich doch um die Verstetigung und Habitualisierung jener prekären Erfahrungen, die sich aus dem Aufbrechen doxischer Gewissheiten ergeben. Dieser neue, eben großstädtische ‚praktische Sinn’, dieser neue „Zustand des Leibes“ (Bourdieu 1987: 126) verfügt, verordnet, erzwingt und ermöglicht die Habitualisierung des Flüchtigen, des Unsicheren und Fremden, seine Anverwandlung mit Vertrautheit und Zugehörigkeit. Nicht dass ich als Fremder unter Fremden lebe, sondern dass ich diese Konstellation als selbstverständlich erfahre, macht den Eigensinn dieser habituellen Dispositionen aus. Georg Simmel hat zentrale Motivbündel der großstädtischen Doxa in kräftigen Strichen als Blasiertheit, Reserviertheit, Distanziertheit und Indifferenz konturiert. Dem typischen Einwand, Simmel habe so allenfalls die Reaktions- und Anpassungsmuster des bürgerlichen Individuums, nicht aber die Institutionalisierung von Solidaritäts– und Reziprozitätsnormen der Mehrheit der Stadtbewohner beschrieben, wäre in der hier intendierten Erkenntnisabsicht die Frage entgegenzuhalten, ob die Verdichtung von Solidaritätskernen nicht ihrerseits als Effekt der Habitualisierung von Unsicherheit, und damit als eine ganz moderne, eben großstädtische Disposition zu interpretieren wäre.

 

Wenn großstädtische Doxa das unthematische Universum präsentiert, innerhalb dessen die Stadt sich selbstevident macht, gibt es keinen triftigen Grund, warum diese „vertraute Welt“ nicht nur als etwas Selbstverständliches, sondern zugleich auch als etwas positionsspezifisch variierendes Selbstverständliches wahrgenommen und behandelt werden sollte. So zu sprechen heißt, darauf zu bestehen, dass es sich um Variationen zum Thema, also um etwas gemeinsam Geteiltes handelt. Dies ist der Kontext, in dem Pierre Bourdieu seine Konzeptbegriffe von „sozialem Raum“ und „Habitus situiert“. „Wird die soziale Welt tendenziell als etwas Evidentes wahrgenommen und als etwas, das – in Husserlschen Begriffen – gemäß einer doxischen Modalität erfasst wird, dann deshalb, weil die Dispositionen der Akteure, ihr Habitus, das heißt die mentalen Strukturen, vermittels deren jene die soziale Welt erfassen, wesentlich das Produkt der Interiorisierung der Strukturen der sozialen Welt sind“ (Bourdieu 1992: 143). Das Zusammenspiel von Position und Disposition erzeugt jene doxischen Gewissheiten, deren soziologischen Kern Bourdieu in Anlehnung an Erving Goffman in der überaus einprägsamen Formel vom „sense of one`s place“ kondensiert. Es ist dieser unthematische sense of one`s place, sowie der sense of other`s place (Bourdieu 1992:144), dieser inkorporierte Sinn für die eigene Position und die Positionierung der anderen im sozialen Raum, der die Fraglosigkeit der Alltagswelt garantiert. Der sense of one`s place ist das Resultat einer Kompromissbildung, eine Anpassung der „Wahrnehmungsdispositionen“ an objektive Strukturen. Zu den „objektiven“ Strukturen aber lässt sich zwanglos auch der physische, respektive der „angeeignete“ physische Raum rechnen.

 

Dieser Übergang ist deshalb bedeutsam, weil Doxa nun in ihren raumtheoretischen Dimensionen bedacht, für die Analyse doxischer Ortsbezüge interessante Perspektiven eröffnet.

 

1. Auf der Ebene der Theoriebildung scheint es ebenso plausibel wie vielversprechend, die Differenzierung der räumlichen Formen der Vergesellschaftung mit der Differenzierung der Doxa ins Verhältnis zu setzen. Der sense of one`s place ist im Modus großstädtischer Vergesellschaftung zwangsläufig ein anderer als... auf dem Land. Es gibt keine Kardinäle auf den Land, ebenso wenig wie es Jazz- oder sonstige Szenen gibt. Großstädtische Doxa ist ebenso Voraussetzung wie Resultat jener immer aufs Neue und ganz fraglos zu erbringenden antizipierenden Ausrichtung und Anpassung subjektiver Dispositionen an die durch Dichte und Heterogenisierung produzierten Unsicherheitslagen.

 

2. Großstädtische Doxa ist gleichsam die Hintergrundmelodie, die durch alle Aufführungen des städtischen Lebens hindurchklingt. Was für die „Stadt“ als Wissensobjekt der Soziologie gilt und für eine Theorie städtischer Eigenlogik konzeptionell fruchtbar gemacht werden soll, soll empirisch gewendet, für jedes „Individuum“ Stadt der Fall sein. Jede große Stadt, so die These, evoziert die ihr eigene „natürliche Einstellung“ zur Welt. Jede große Stadt hat ihren lokalen Hintergrund, sie verfügt und verordnet ein Wissen darüber, „wie die Dinge sind“, und „wie man was macht“.

 

3. Individuell oder „lokalspezifisch“ ist dieser doxische Ortsbezug in Relation zur Nicht-Stadt, wie zu anderen Städten. Die habituellen Dispositionen, der sense of one’s place sind ortspezifisch. Dass dieser sense of place irritiert und herausgefordert wird, sich etwas anderes „aufdrängt“, das zur „Anpassung“ nötigt, ist eine ganz alltägliche, mit jedem Ortswechsel verbundene Erfahrung.

 

4. Großstädtische Doxa ist ein relationales Konstrukt. Der individuelle Fall ist intern und zwar positionsspezifisch differenziert und fügt sich doch einem beschreibbaren Ganzen. „Man hat“ so Pierre Bourdieu, „jeweils das Paris (oder die Stadt, in der man wohnt) entsprechend seinem eigenen ökonomischen, aber auch kulturellen und sozialen Kapital“ (Bourdieu 1991: 32). Jede(r) hat sein (ihr) eigenes Paris, aber jede(r) hat Paris oder anders: Paris bleibt doch Paris.

 

5. Doxische Gewissheiten werden erst dann thematisch, wenn sie bedroht sind. Im Augenblick der Herausforderung bleibt die stumme Erfahrung der Welt als einer selbstverständlichen, nicht länger stumme Erfahrung. Doxa transformiert sich in Orthodoxie. Es entstehen Stile, Erzählstrukturen, kognitive Schemata, die nun als legitime gegen andere behauptet werden und für die konsequenterweise wiederum gilt, dass sie ortsspezifisch ausgeprägt sind. Jede große Stadt, so die nun erweiterte These, evoziert nicht nur die ihr eigene natürliche Einstellung zur Welt; sie evoziert auch die ihr und nur ihr eigenen Orthodoxien.

 

6. „Dichte“ und „Doxa“ sind die konzeptionellen Rahmen, mittels derer die je individuelle Gestalt der Städte erschlossen und die lokalspezifischen Differenzen zwischen den Städten für eine Theorie der „Eigenlogik der Städte“ fruchtbar gemacht werden können. „Eigenlogik“ als jener lokalspezifische Modus der Verdichtung von bebauter Umwelt, Material- und Stoffströmen, symbolischen Universen und institutionellen Ordnungen ist auf zwei unterscheidbaren Ebenen zu plazieren. Das Konzept zielt in seiner empirischen Lesart auf die Analyse der historischen, der „kumulativen Textur“ einer Stadt und der vielfältigen Homologien, die sich in diesen lokalen Gewebe ergeben; und es zielt in seiner erkenntniskritischen Absicht auf die theoretische Annäherung an das, was die „Verstädterung der Lebenswelt“ genannt worden ist.

 

 

IV. Eigenlogik der Städte

 

Die möglichen Vorteile eines Konzeptbegriffs „Stadt“ als räumlicher Vergesellschaftungsform, deren distinkter Charakter in der raumstrukturellen Organisation von Dichte und großstädtischer Doxa liegt, lassen sich zumindest kurz andeuten.

 

Zum einen: die intuitiven Einsichten der Gründungsväter der Stadtsoziologie – „city has a life of its own, is a state of mind, a body of customs and traditions“ etc. (Park) – kann nun raumtheoretisch fundiert und empirisch als Konstellation von Verdichtungseffekten, doxischen Ortsbezügen und lokalen Orthodoxien empirisch erforscht werden.

 

In dieser Perspektive wird zum anderen eine „Soziologie der Stadt“ möglich, die ihre analytische Aufmerksamkeit auf eine spezifische Vergesellschaftungsform und eine spezifische Sinnprovinz lenkt, deren basale Logik auf Verdichtung und Heterogenisierung beruht. Verdichtung und Heterogenisierung, die Steigerung der Kontakt- und Reaktionsintensitäten (und damit die Evokation des ‚Neuen’) sind nicht nur skalensensibel; sie beziehen die stofflich-materielle Seite ebenso ein wie die sozial-symbolische Dimension. Ob diese „Wechselwirkungen“ freilich über die doxischen Vorstellungen, die die Soziologie über das Soziale (Handeln, Sinn, Kommunikation) entwickelt hat, zu fassen sein werden, bleibt eine offene Frage.

 

Die Soziologie der Stadt ermöglicht und erfordert drittens ein empirisches Forschungsprogramm, für das die „Eigenlogik der Städte“ gleichermaßen als Erkenntnisobjekt wie als Hypothesenrahmen fungiert. Die konzeptionelle Fassung der Stadt als raumstrukturelle Form der Verdichtung nämlich liefert die theoretische Orientierung für den Vergleich zwischen Städten, der seinerseits Aufschluss über die (noch) verborgenen Seiten städtischer Eigenlogiken verspricht. Für Robert Park wie die Chicago School insgesamt war die Figur der Eigenständigkeit, des Eigenlebens der „Stadt“ mit Verweis auf das „Dorf“ selbstevident. Doch es bleibt eine tiefe Irritation dergestalt, dass sich diese traditionsbildende Schule und damit die Stadtsoziologie bis heute für die Konkretionsebene der Städte nicht interessierte. Die Soziologie der Stadt verschiebt die Referenzen von der „Stadt“ zu den Städten, von „the city has a life of ist own“ zu „every city has a life of its own“. Systematischer Bezugspunkt des Forschungsprogramms ist deshalb die Frage nach den Eigenlogiken von Städten, die vergleichend über Intensität und Modus der räumlichen Organisation von Verdichtung und Heterogenisierung erschlossen werden. „Städte“, heißt es im Mann ohne Eigenschaften, „lassen sich an ihrem Gang erkennen, wie Menschen“. Man muss nur ausdauernd und interessiert genug hinschauen.

 

1) Hier findet die Großstadt-Kritik ihr fundamentum in re. Aber auch Erinnerungsoptimismus und normative Überzeichnung, wie sie sich im Idealbild der „europäischen Stadt“ artikulieren, verweisen auf das Destruktionspotential dieser neuen Vergesellschaftungsform.