Der Kurzfilm "desiskoakirchnned" von Sarah Retsch, Philipp Strohm und Florian Thein dokumentiert eine architektonische Projektarbeit im Rahmen der 4. Architekturwoche München zum Thema "Räumliche Intervention im Spannungsfeld Individuum + Masse beim Münchner Oktoberfest"
Konzeptueller Ausgangspunkt für "desiskoakirchnned" ist der Film "Bierkampf" von Herbert Achternbusch (1976), in dem der Filmemacher in eine Polizeiuniform gekleidet auf dem Oktoberfest Besucher anpöbelt, ihr Bier austrinkt und anderweitig provoziert. Im Gewand der Ordnungsmacht testet Achternbusch so die sozialen Konventionen und Grenzen der kollektiven Grenzüberschreitung Oktoberfest aus.
Die Handlung des Films kann in 4 Schritten beschrieben werden:
1. Abspaltung des Individuums von der Masse. Eine Einzelperson isoliert sich von der Gruppe und agiert gegen ihr Umfeld.
2. Verwendung eines "gesellschaftlichen Codes" (Polizeiuniform = Staatsmacht = Autorität) zur geschützten Interaktion des Individuums mit der alkoholisierten Masse.
3. Wiedereingliederung des Individuums in die Masse
4. Um-formierung der Masse. Erst eher unstrukturiert und ziellos umherschweifend, formiert sich die Masse geschlossen gegen den falschen Polizisten.
Der Transfer des Films zu einem architektonischen Eingriff erfolgt in 3 Schritten:
1. Festlegung der äusseren Form: Die architektonische Manifestation des Bierrausches ist das Bierzelt. Umgesetzt wird dies als 1-Personen-Rauschraum in Form eines Zeltes. Im Inneren werden Bier und Brezen verkauft, eine Tischreservierung ist nicht möglich. Ausserdem wird festgelegt, dass jeder Gast nur einzeln eintreten darf.
2. Tarnungsprozess (= analog zur Polizeiuniform): Adaption eines Gebäudetyps, der in der kollektiven Moralvorstellung eine hohe Akzeptanz erfährt. Erreicht wird dies, indem das Zelt von aussen einen internationalen Glaubensraum darstellt, von innen jedoch ein 1-Personen-Festzelt.
3. Einbringung des vermeintlichen Glaubensraumes (in Wirklichkeit das kleinste Bierzelt der Welt) am Brennpunkt der Oktoberfestströme; also am Kreuzungspunkt der Hauptachsen (Ecke Hacker-Pschorr Zelt). Dadurch, dass nur die Einzelperson eintreten darf, garantiert dieser Standort intensive Reaktionen des Umfeldes.
Wirkung des Zeltes / Umsetzung des Konzepts:
Der Rauschraum fokussiert die Selbstwahrnehmung des Einzelnen; er separiert sich von der Gruppe. Eine nicht kalkulierbare Dynamik wird generiert. Die experimentelle Intervention im "öffentlichen Oktoberfestraum" lässt neben ungeahnten Synergieeffekten auch die Stärkung der existierenden Struktur erwarten.
Das Modell im Maßstab 1:1 wird pünktlich zum Oktoberfest 2008 auf der Theresienwiese platziert.