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Konferenz OFF-Architektur

Nürnberg, 4.-5.12.03

Auszüge der Diskussionsbeiträge chronologischer Abfolge

 

Team 444

Ich möchte noch zwei Dinge sagen, die mir heute morgen eingefallen sind. - Die erste Szene - Godard steht vor seinen Studenten, mitten in der aufgewühlten Zeit der Sechziger und beschimpft sie, sie sollten sich nicht um Einstellung und Kamera, Kameratechnik und Blende kümmern - sondern draussen ist der Kampf, geht raus und tut was. Das ist für mich auch immer ein Ansatz gewesen die Architektur zu sehen. Eben nicht über die Schraube zu Architektur zu kommen. Das Schöne an den Gesprächen hier ist es, dass das überhaupt kein Thema war. Es wurde dort angefangen über Architektur zu reden, wo es mich immer schon interessiert hat über Architektur zu reden und über Architektur nachzudenken.

Die zweite Szene - Godard, Alphaville, die Negativ-Utopie. Eddie Constantin kommt mit dem Auto in Alphaville an. Es gibt ein Hotel, Hotelzimmer. Auf jedem dieser Hotelzimmer liegt die Bibel und in dieser Bibel sind Begriffe markiert, die nicht mehr gebraucht werden dürfen. Ein Begriff ist zum Beispiel Poesie. Poesie ist verboten in dieser neuen Welt.

Das zusammenzubringen - die Poesie nicht zu verlieren, die Bilder nicht zu verlieren und draussen zu sein; für mich ist es ein grosser Anspruch, diese beiden Dinge für die Architektur zusammenzubringen und zusammenzuhalten.

 

In der Rückschau auf das, was ich über die beiden Tage an Beiträgen gesehen habe, sehe ich eine grosse Unterschiedlichkeit, je nachdem wie lange die Leute schon laufen. Wir arbeiten jetzt seit über sechzehn Jahren in diesem Zwischenbereich, Off-Bereich, oder wie man es nennen will. Selbst gewählt, wir wollen da arbeiten. Für mich ist es ein ganz wichtiger Aspekt, dass das nirgendwo hinzielt - ein "On" oder eine andere Kategorie - sondern, dass eine Kultur, eine Form des Offs beibehalten bleibt. Für mich ist es ein mögliches Ergebnis dieser Veranstaltung eben nicht irgendwo anders hinzugehen, Vergleiche zu einer etablierten oder weniger etablierten oder explizit politischen Haltung zu ziehen, sondern die Unterschiedlichkeit der Projekte zu belassen und diese Ebene als eine eigene Diskussionsebene beizubehalten.

 

osa

Ich kenne das Problem nicht, dass man mich oder osa als Netzwerk nicht ansprechen könnte. Man weiss vielleicht wer dazugehört, spricht sie an und dann funktioniert das. Es ist ja auch nicht so, dass bei jedem Projekt alle acht dabei sind. Es sind ja immer nur Teilbereiche, die etwas machen. Insofern sehe ich da auch kein grosses Problem darin, dass man mit allen reden müsste. Durch den Automatismus innerhalb der multiplen Autorenschaft - irgendjemand fängt etwas an, jemand anderes strickt es weiter, weil der Andere wieder keine Zeit hat - verselbständigen sich die Projekte soweit von den eigentlichen Autoren, dass die Ansprechbarkeit eigentlich kein Problem ist.

 

Die Unverbindlichkeit ist eine formelle. Informell gibt es in Netzwerken unter den Leuten eine sehr hohe Verbindlichkeit. Ich fühle eine hohe Verbindlichkeit innerhalb eines Netzwerkes - einfach aus Respekt vor den anderen Mitgliedern. In anderen Strukturen, die vielleicht hierarchischer oder normales Büro sind, gibt es formale Verbindlichkeiten: der eine zahlt das Gehalt, der andere empfängt es, der eine trägt am Ende die Gewinne oder Verluste, die Verantwortung, der andere macht einfach seinen Job - das ist eine formelle Verbindlichkeit. Aber es ist nicht so, dass es in Netzwerken keine Verbindlichkeiten gäbe.

 

Von den Ergebnissen her gibt es schon einen Unterschied. Insofern, als ich glaube, dass eine Aufgabenstellung nicht so stark auf ein Ergebnis ausgerichtet ist - im Sinne von etwas Berechenbarem. Das Netzwerk ist durch verteilte Verantwortungen ein wesentlich stabilerer Kontrollmechanismus von Qualität als das in einer hierarchischen Struktur der Fall sein kann. Die Risikobereitschaft sich auf etwas unkalkulierbares einzulassen ist einfach höher. Und zwar nicht so sehr, weil man befreundet ist, sondern weil man innerhalb der Gruppe eine Abhängigkeit zwischen eigenverantwortlichen Individuen hat, die einfach auf sich aufpassen. - Die Verantwortlichkeit ist einfach viel umfassender, weshalb mit zehn Personen mit Sicherheit auch eine Schallgrenze von Netzwerken erreicht ist.

 

Raumlabor

Ich denke, die Kommunikation ist ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit. Wenn man alleine arbeitet, hat man einfach wesentlich weniger Diskussionsaufwand. Und da setzt es an, dass sich die Ideen verändern. Wenn ich eine Idee formuliere, muss ich erst mal durch die Feuertaufe der Kollegen. Im Gespräch fängt die Idee an sich zu verwandeln, wird von jemand anderem aufgegriffen, gekapert - das kann eine sehr dynamische Arbeit sein. [...] Aus diesem Ansatz einer veränderten Kommunikation enstehen auch andere Ergebnisse.

 

Ich glaube es ist klar, dass diese Arbeitsweise tatsächlich Dinge entstehen lässt, die anders mit gebauter oder virtueller Umwelt umgehen, als es in einem "herkömmlichen" Verfahren der Fall ist. [...] Aber das ändert nichts daran, dass die Frage nach einer Zielstellung sehr wichtig ist. Alle die hier arbeiten und Positionen beziehen, tun das ja nicht, weil sie so funktionieren wollen, wie unsere globale Welt funktioniert, sondern weil sie ein klares Feindbild haben. Es ist eine Reaktion darauf, wie heute Architektur gemacht wird - was dabei herauskommt, wie es aussieht, wie man sich darin fühlt, wie man darin wohnt, wie man darin arbeitet. Ich sehe das bei uns gegenüber in Berlin. Was da gerade fertig geworden ist, ist einfach scheisse, fertig. Und ich sitze da, mache andere Sachen, habe vielleicht Defizite, kann nicht richtig kommunizieren usw.. Aber ich mache was ich tue, weil ich das eine schlecht finde und das andere, was ich mache, gut finde.

 

niko31

Für uns regelt sich das Miteinander oder Gegeneinander tatsächlich alleine über die Situation. Wenn wir eine Idee haben, die wir umsetzen wollen, schauen wir im Sinne der Verantwortung gegenüber der Idee nach den besten Möglichkeiten. In der Regel werden wir in den eigenen Kreisen, im eigenen Netzwerk, fündig - da gibt es unendlich viele Links, so dass der Fundus an Möglichkeiten und wertvollen Verbindungen einfach ausgenutzt wird. Insofern ist es tatsächlich keine starre Struktur, keine Hierarchie, sondern es ist ein ganz brutal rationales Herangehen und Handeln - gleichzeitig aber eben ein verantwortungsvolles Handeln gegenüber der Aufgabe und Ausdruck der Wertschätzung der eigenen Arbeit. Es ist wie beim Autofahren - da muss man Gas geben wenn man schnell sein will oder man muss bremsen wenn man nicht an die Wand klatschen will. Es ist superrational und ausserdem macht es Spass.

 

Peanutz

Ich glaube, alle Projekte, die wir gezeigt haben, sind Architektur. Wir beschäftigen uns mit Raum und wie sich Personen im Raum verhalten - sozialen Interaktionen. Es ist eigentlich nichts anderes als Architektur. Wir glauben Architektur ist komplex und Crossover.

 

Wir wollen nächstes Jahr unseren Geschäftsumsatz um 180 Prozent steigern, nebenbei natürlich unseren inhaltlichen Ansatz verdichten und Hinsicht auf die Form wesentlicher prägnanter werden. Wir fürchten uns ja überhaupt nicht davor, Materialien Form zu verleihen. Wir wollen unsere ganzen bisher erforschten Potentiale quasi ins Material mit einbrennen.

 

Jan Wurm

Vorhin gab es den Kommentar, dass Architektur mir völlig scheissegal ist, solange es nur um Architektur geht. Ich bin total beeindruckt von der Bandbreite und der Energie, die hier zu sehen war. Gleichzeitig macht es mich auch ein bisschen nachdenklich, wenn man sieht, wie das alles in den Randbereich wandert und sich da einrichtet. Wenn man sich vorstellt, was diese Leute tun könnten, wenn sie wirklich im Kernbereich der Architektur tätig wären - was dann entstehen könnte. Während wir uns hier einrichten, gehen die dicken Fische immer noch den anderen Dicken ins Netz. Sollten wir nicht Strategien entwickeln, die dicken Fische wieder in unser Netz zu bekommen?

 

Zeitguised

Ihr habt in eurem Beitrag gemeint, ihr hättet in eurem Studium nichts gelernt. wir haben auf jeden Fall haben auch nichts gelernt, aber wir wollten aus der Not eine Tugend machen, wollten trotzdem nicht jahrelang in irgendwelchen Büros knechten und uns irgendwie hocharbeiten. Wir wollten wissen, auf welcher Schiene können wir möglichst schnell berühmt werden. Da überlegt man so ein, zwei Minuten maximal und dann weiss man halt, es kann nur so ein schnelles Medium wie Popkultur sein. Das heisst aber nicht, dass wir architektonische Fragestellungen - ich bin ja in meiner Funktion als Assistent in der Architekturtheorie und im Entwurf sehr mit schweren Problemen zur Architektur belastet - nicht verfolgen würden. Aber wir sind eben daran interessiert, eine schnelle Umsetzung, einen schnellen Transport für Bilder, unverfälschte Bilder zu finden. Das sind Bilder, die keinen endlosen Prozess durchlaufen haben, sondern so gigantisch ausgedrückt kommen.

 

Was ist, wenn man diese fucking Grenzen, die einem gesetzt sind, nicht anerkennt und sagt, ich mache eben etwas anderes? Das ist auch politisch. Was noch politisch ist: Im Zusammenhang mit Crossover ist es wichtig, dass Hierarchien anders definiert werden, dass man sich gegenseitig so weit respektiert, dass nicht der, der die Ideen hat, sondern eben auch der, der die Details plant und die Konstruktionen macht, gleichberechigt und gleichwertig ist. Das würde ich für mich, für alle, als geltendes politisches Ziel benennen. Für die eigene Zukunft hoffe ich, dass es nie zu Ende ist, dass man eigene Dinge erkennt - aber das ist ja nicht von Belang.

 

Realities United

Für uns ist die Herausforderung das Betreten fremder Territorien; das Reklamieren von Kompetenz, ihr Nachweis und ihre Darstellung nach aussen. Wir versuchen Technologie, Marketing und Kommunikation als Gestaltungsmittel und -medien in unsere Arbeit zu integrieren. Wir überlegen nicht, wo können wir bestimmte Ansprüche hindelegieren und hoffen, dass sie da richtig behandelt werden, sondern wir drehen das Ganze um. Die Idee, dass Technologie irgendwas dient - möglichst einem von der Gesellschaft schon vor hunderten von Jahren vordefinierten Zweck - platzt einfach aus ihren definitorischen Nähten. Das funktioniert nicht mehr. Wir müssen Technologie als Gestaltungsmedium, als kulturelles Medium betrachten. Unser Vortrag hat versucht zu beschreiben, wie wir von einer Architektur, die sich klassischerweise immer noch über den Raum definiert, zu einer Erweiterung unseres Bereiches kommen können; wie wir unseren Anspruch deutlich machen können, das auch zu übernehmen.

 

Bei dem Projekt für die Medienfassade in Graz, wofür wir letztendlich garnicht beauftragt waren, haben wir tatsächlich ständig das Gesicht gewechselt. Nicht in dem Sinne, der zu sein für den man gehalten wird, sondern genau im Gegenteil. Zum Beispiel kommt der Techniker an und sagt, das geht nicht. Da sagen wir, wir sind Künstler, das muss. Gegenüber den Architekten sagen wir, aus technischer Sicht müssen wir das so und so machen. So sind wir immer zwischen den Rollen Künstler, Co-Architekt und Techniker hin- und hergewechselt. Aber das ist sehr problematisch. Wir haben eine tolle Fassade gebaut, die könnte leuchten, aber wir kommen nicht an den Punkt etwas zu entwickeln, was darauf laufen soll. Das Kunsthaus kann es nicht und, dass wir es machen, wollen sie irgendwie nicht.

 

Meine Sozialisation als Architekt war extrem problemorientiert: hier hast du einen ganz schlimmen Stadtteil und ein ganz schlimmes Baugrundstück, der Himmel ist grau, das Leid, und du musst schuften. Irgendwie ist alles scheisse, aber du machst das Beste daraus. Davon wenden wir uns ab. Wir entziehen uns der sozialen Verantwortung, die wir Architekten quasi per Definition tragen, in der Hoffnung, dass wir Angebote entwickeln können - vielleicht muss man sich nicht in diese Baulücke hineinkrampfen wenn man eine Nutzung schafft, die es ermöglicht dort hinzugehen. Das ist viel toller.

 

Wenn man bei der klassischen Architektur bleibt, schrumpft der relative Wirkungsspielraum rapide. Im Mittelalter konnte man einen Markt noch mit Strassen und einem Platz generieren, heute ist ein Markt ein völlig abstrakter Begriff, der hat überhaupt nichts mehr mit Raum zu tun. Ich glaube, die Architekten müssen sich einfach entscheiden: sind wir Leute die stapeln, Steine zum Beispiel, dann sind wir eigentlich Handwerker, oder sind wir Leute die Märkte schaffen, Kommunikation schaffen - Wohnungen, ich weiss es nicht. Mit dieser Entscheidung ist eigentlich klar, dass man ausbrechen und die neuen Gestaltungsbereiche für sich einnehmen muss. Sonst wird das eine Rückzugsdebatte, wie sie schon seit Jahren läuft und die Architekten werden immer kleiner und verschrumpelter.

 

BeL

Wenn wir jetzt der 1985er Kongress der Kürschner wären - mit der Gründung von Peta - denen ging es damals sehr, sehr schlecht und die haben auch überlegt, wie herum der Fuchs gekämmt sein muss, in wieviele Stücke man ihn schneiden muss und ich weiss es nicht; die haben nicht erwartet dass der Pelz wiederkommt. Wäre mal interessant, wo die jetzt alle sind, die Kürschner. Unsere Arglosigkeit macht einen wahnsinnig. Ich möchte hier wirklich nicht als Cassandra stehen, weil ich glaube angesichts der unglaublichen Qualität, die wir hier sehen in unseren Beiträgen sehen, ist es umso unfassbarer, dass wir nicht in der Lage sind das zu formulieren oder zu transportieren. Ich habe ganz klar das Gefühl, schon der Begriff Crossover erzeugt ein Reservat. Das, was eigentlich so natürlich sein sollte, die Anwendung der Kompetenz in vielen Bereichen, führt nur dazu dass es noch belangloser wird - als ob es darum ginge, den Architekten zu verbergen.

 

Als wir uns vor ein paar Monaten hingesetzt haben um unseren Artikel zu schreiben, da haben wir uns Gedanken darüber gemacht, was ist der Grund. Geht es um irgendein Phänomen der Marginalisierung, des Staunens über eine Wirklichkeit, die sich selber produziert, aber grösstenteils ohne uns? Unser Artikel hat eigentlich ganz banal begonnen. Gegenüber unseres Büros befindet sich nicht nur ein Jesuitenkolleg, sondern auch ein Italiener, der heisst Luciano, und vor Luciano steht immer ein Bentley. Dieser Bentley hat am Armaturenbrett ein offizielles Dokument: "dieses Fahrzeug darf überall in Köln parken", in der dritten, in der vierten, in der fünften Reihe, am Autobahnkreuz. Und das ist das Fahrzeug, wie ich dann erfahren habe, von Alfred von Oppenheim, dem Besitzer der Salomon-Oppenheim-Bank in Köln. Der isst halt jeden Tag bei uns gegenüber bei Luciano seine Pasta. Das ist ein ganz konkreter Teil von Wirklichkeit, der direkt vor unserer Nase jeden Tag funktioniert. Dieser Mann bewegt in Köln so im Jahr 5 Milliarden Euro an Investitionsvolumen während wir komischerweise hier sitzen;

 

Freie Klasse

Mit hegemonialen Diskursen sind wir immer konfrontiert. Und was kann man tun, um hegemoniale Diskurse aufzubrechen? Da brauche ich andere Erzählungen. Wenn ich keine anderen Erzählungen mehr hinkriege, dann bin ich nicht mehr handlungsfähig. - Wir stehen auf keiner marxistischen Grundlage, wir müssen nicht postmarxistisch argumentieren und wir müssen auch nicht anfangen über die spätkapitalistische, postfordistische Stadt nachzudenken - das brauchen wir alles nicht. Wir docken an an eine Erzählung, die auch von Gebäuden ausgeht, die von Ensembles ausgeht. Deshalb war uns das mit der Feldherrenhalle wichtig. Die Feldherrenhalle ist eine Erzählung der bayrischen Staatlichkeit. Das ist eine der drei Säulen, auf denen der Staat ruht. Das Militär. Daneben Königshaus und Kirche. Dann gibt es noch den einen Kilometer Ludwigstrasse, der für die Abwendung von der preussischen Landmeile steht, usw. Das ist also eine Erzählung, die ist da und die wir aufgreifen für eine ganz andere Erzählung - die von der Möglichkeit das Gebäude auch loswerden zu können. Wenn wir diese Erzählung nicht mehr führen können, dann sind wir politisch nicht mehr handlungsfähig. Ich bin insofern auch sehr skeptisch, ob wir überhaupt erst wieder mit Utopien anfangen müssen. Es ist frustrierend, dass wir mittlerweile in einer so kleinen Ecke gelandet sind, aber ich glaube, dass wir nicht da rauskommen, wenn wir nicht mehr anfangen, eigene Erzählungen aufzuwerfen.

 

Für uns sind das Setzungen, die in der Stadt passieren [...] bei einer anderen Aktion haben wir vor die Akademie eine Bautafel für einen Neubau gesetzt, einen Ökostand aufgebaut, Unterschriften gesammelt und in zwei Stunden hatten wir drei Listen voll mit Unterschriften gegen unseren eigenen Neubau. Vielleicht sind das einfach auch andere Leitlinien...der dadaistische Ausspruch: wir sind unsere eigenen Feinde. Ein Überprüfen dieser Setzungen im soziologischen Sinne ist für uns nicht interessant, auch wenn die Reaktionen auf unsere Setzungen sicherlich insofern andere sind, als sie im öffentlichen Raum passieren und nicht, wie etwa ein politisches Traktat, nur auf eine bestimmte Gruppe ausgerichtet sind.

 

An Architektur

Ich habe ein wenig das Gefühl, dass hier am Podium Politik im Verruf steht, mit langen Texten zu tun zu haben, dogmatisch zu sein, parteipolitisch organisiert sein zu wollen - bzw. man zieht sich gleich ganz allgemein auf die Herstellung von Ordnung, Subjekt-sein oder überhaupt-was-tun zurück und sagt, das alles wäre Politik. Ich glaube das ist alles Politik. Aber wenn man über Politik spricht, ein Interesse daran hat politisch zu sein oder zumindest erkennt, dass man es ohnehin ist, dann ist doch vielmehr die Frage, was für eine Vorstellung von Welt und von Handeln liegt dem zugrunde. In welchem Widerspruch steht dies zu den Vorstellungen, die andere Personen haben. Da wird es sehr konkret. Man kann nicht hinter die Feststellung zurück, dass sich die Welt, in der Architektur stattfindet, verändert. Durchökonomisierung ist nur ein Stichwort. Dies ist eine politische Welt, an deren Veränderung Architektur, die Gestaltung von Raum, ganz massiv beteiligt ist; und zwar auf eine Art und Weise, mit der es offensichtlich Unzufriedenheiten gibt. Politisch zu sein bedeutet für mich an diesem Punkt nichts anderes, als zu fragen, wie ist diese Welt konstituiert, wie ist die Herstellung von Raum daran beteiligt? Wie kann eine andere Erzählung entwickeln werden? Wie kann diese Erzählung mit Mitteln der Architektur umgesetzt werden? Das sind konkrete Fragen, die sich der Beliebigkeit von "alles-ist-politisch-so-haben-wir -es-nicht-gemeint" entziehen. Sondern dann sagt man: "es gibt eine Politik, die mich interessiert und eine Politik, die ich nicht für richtig halte". Das ist vielleicht ein subjektives Moment, aber ab und zu kann man doch wohl versuchen, dieses subjektive Moment diskursiv zu machen.

 

Eine Möglichkeit, nicht sofort vor der Politiklosigkeit zu erstarren, vor der Gleichheit von Subjekt und Staat, vor der Irrelevanz von Handlungen, weil man an SPD und CDU auch nicht mehr richtig glaubt, ist beispielsweise dieses Modell von Erzählungen. Eine Erzählung ist ein temporäres kleines "Wollen" oder eine Vorstellung davon, was anders sein kann, was ich subjektiv oder mit anderen zusammenhängend erfahre. Wir haben jetzt die Ausgabe zu Gemeinschaftsräumen gemacht. Das Anliegen dahinter ist die Frage, wie, ausgehend vom Subjekt, vielleicht ein anderes Leben als das als Single, als Selbstverantwortlicher oder als Kleinfamilie, eine andere Politik von Subjekt oder Beziehungen möglich ist. Wir haben überlegt, was gibt es an historischen, an räumlichen Modellen, was gibt es an begonnenen Diskussionen, Fabrikbesetzungen, kollektivem Arbeiten. Was gibt an Gegenmodellen, wo bestimmte, vielleicht private, Bedürfnisse in den Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse gestellt werden und darin unter Umständen ein widersprüchliches oder auflösendes Potential aufscheint. Ich glaube, viel weiter kommen wir nicht und über vielmehr will ich heute abend auch gar nicht reden; nicht über das Böse, sondern über die Möglichkeit aus der Reflektion über individuelle Bedürfnisse Mikromomente zu produzieren, die sich politisch benennen.

 

Vielleicht könnten wir anstatt einer Zeitschrift oder eines zweiten Kongresses eine Art Bauausstellung machen. Ihr sucht einen Ort, eine Region oder eine Struktur, oder wir suchen einen Ort oder Struktur und setzen uns damit quasi interbaumässig oder emscherparkmässig auseinander. Um mit den Dingen 1:1 umzugehen und weiterzukommen als dies nur über die Pflege eines Diskurses möglich ist.

 

Urban Catalyst

Hier entsteht der Eindruck, wir würden uns fett auf eine seit den 80er Jahren betriebene Praxis draufsetzen um dem Architekt endlich mal wieder ein bisschen Kohle zu verschaffen. Darum geht es nicht. Wir sehen was mit Berlin passiert und wir sehen das kritisch. Es besteht einfach ganz real die Gefahr, das dieses Laboratorium, das es in Berlin stärker gibt als in anderen Städten, ein Unfall der Geschichte bleibt. Die Stadt bewegt sich einfach weiter und diese Räume sterben ab. Wir entwickeln Werkzeuge für eine andere Stadt, um Berlin nicht zu einer x-beliebigen deutschen Stadt werden zu lassen. Das ist eine Art von Kritik, die wir haben und die unser Handeln motiviert. Verdient haben wir mit dieser Politikberatung noch keinen Euro.

 

SNAG

Es steht ausser Frage, dass die Aktionen sobald sie erfolgt sind von der Konsumgesellschaft, von den Medien vereinnahmt werden; dass sie sozusagen sofort zu Produkten der Popkultur werden. Das ist eine Sache mit der wir ganz bewusst arbeiten müssen und können. Bezeichnend ist schon allein die Tatsache, dass wir mit zwei SNAG-Aktionen in der Bildzeitung waren. Daraus aber ableiten zu wollen, dass man ein definiertes politisches Projekt vor sich hertragen muss, dass es einen Diskurs gibt, den wir alle unterschreiben und dem wir uns aktiv widmen können - diese Möglichkeit sehe ich nicht. Wenn du über die politische Dimension der Architektenpraxis redest, würde ich dich auch fragen wollen wie du das weiter definierst? Als "Häuser-bauen-für-arme-Leute”?

 

[...] wie eine interne Selbstheilung in einem festgelegten Reservat. Es geht gar nicht darum, die Aussenwirkung dieser Aktionen zu reflektieren, sondern uns im kleinsten Mikromassstab erst mal selbst zu heilen; alles das, was wir aus Ausbildung, Verbildung oder diversen Architekturdiskussionen mitgebracht haben, ein bisschen kleiner zu machen. Das ist ein ganz individueller, interner Prozess in durchaus ganz festgesetzten Reservaten.

 

Ein Motiv von SNAG ist die gleiche Sichtweise des Ichs in der Gruppe. Es geht nicht um eine inhaltliche Abstimmung, es geht überhaupt nicht darum, ein Programm zu schreiben, es geht auch nicht mal darum, die einzelnen Aktionen miteinander zu koordinieren, sondern der kleinste gemeinsame Nenner, und so klein ist der nicht, ist die Position des Individuums in der Gruppe. Wie sich der Einzelne als Architekt sieht und in die Gruppe einbringen kann.

 

Urs Füssler

In der Forschung zur Künstlichen Intelligenz, der KI, gibt es zwei Wege. Der eine ist der Regelbasierte. Der zweite Ansatz fragt danach, wie funktioniert das Denken, wie funktionieren neuronale Netze. Die beiden Forschungsstränge haben sich im Laufe der letzten 25-30 Jahre um Forschungsgelder bekämpft. Die Vertreter einer Regelbasierten KI sagen, wir müssen rausfinden, wie die Welt funktioniert. Wenn wir wissen wie die Welt funktioniert, sind wir auch in der Lage die Mechanismen, die Programme für den jeweiligen Ablauf zu beschreiben.

Die anderen, die dann sehr viel erfolgreicher waren und es bis heute sind, haben gesagt, wie funktioniert ein Kopf? Wir wissen nicht genau, welcher Teil des Gehirns welche Funktion hat - innerhalb gewisser Grenzen kann man das natürlich herausfinden, aber man weiss nicht einmal wie etwas so scheinbar simples wie das Sehen funktioniert - und das Verstehen von Bildern erst recht nicht. Was man weiss: es gibt sogenannte Golgi-Apparate, kleine Zellen. Beim Neugeborenen sind diese Zellen noch nicht miteinander verknüpft. Das passiert erst im Laufe der nächsten Jahre. D.h. ein Kind lernt, indem es sich sein Gehirn selbst baut, sein Gehirn vernetzt. Diese Fähigkeit nimmt mit dem Alter ab, hört aber nie ganz auf. Dabei kann man nie sagen was eigentlich passiert. Es gibt keine Repräsentation dessen, wozu ein solches Netzwerk fähig ist. Politische Philosophie ist eine Sache - wenn man aber von einer Theorie des Handelns ausgeht, geht es darum, wie man in einer Situation reagieren kann. Die Handlungsfähigkeit des Einzelnen ist dann ein ganz politischer Aspekt. Wenn wir die Handlungsfähigkeit erlangt haben, in bestimmten Situationen dieses oder jenes zu machen, dann ist das zwar noch nicht das Ende der Geschichte, aber bei den hier als "politisch" bezeichneten Gruppen, ist - wie bei der adaptiven Verschaltung von Gehirnzellen - genau diese Handlungsfähigkeit vorhanden.

 

Youngsters

Für uns würde ich diese Off-Diskussion so verstehen, dass wir abgeschnitten sind. Halle hat keine Szene, d.h. wir haben keine Reibungsfläche als Architekten. Um diese Reibungsfläche zu haben, müssen wir sie herstellen. Deshalb haben wir diese Plattform gegründet, wo wir Leute von aussen einladen, die ihre Thesen vorstellen. Mit ein paar Tricks haben wir es auch geschafft, dass die Wenigen dazugekommen sind, die in der Stadt noch etwas zu entscheiden haben, und überhaupt bereit und in der Lage sind, so etwas zu beurteilen. So war es auch möglich, dass Leute, die sich bei uns vorgestellt haben, hinterher einen Auftrag von der Stadt bekommen haben. Kleinere, sicherlich, aber immerhin. Damit schaffen wir uns zwar unsere eigene Konkurrenz, aber da ist uns wichtig, weil ohne Reibungsfläche unsere Architektur auch nicht besser wird. Ganz klar gesagt: wir sind abgeschnitten und suchen nach Massnahmen gegen unsere eigene Verdummung. Das ist die primäre Motivation; aus der heraus man fast schreit: wir müssen was machen!

 

Halle-Neustadt und ähnliche Projekte haben auch ein bisschen damit zu tun, dass wir vor vier Jahren mit dieser Plattform angefangen haben. Ich möchte uns jetzt nicht auf die Schulter klopfen, aber vor vier Jahren gab es kaum eine Szene. Ich will nicht sagen, wir hätten viel bewegt - es kommen auch Zufälle hinzu wie der neue Leiter des Stadtplanungsamtes - aber davor gab es nichts, nicht mal das. [...] Ich merke, zwischen Osten und Westen ist der Graben tierisch gross. Die Probleme, die ihr beschreibt, an die wollen wir gar nicht denken, die kommen vielleicht in zehn Jahren - wenn überhaupt.

 

Blauraum

[...] Wir wollen vielleicht den Typen im Bentley kennen lernen und uns gleichzeitig in dieser Tätigkeit das grösste Mass an jener architektonischen Gedanken- und Lebensfreiheit erhalten - oder wiedergewinnen -, die wir im normalen grossen Bürobetrieb vermisst haben. Es war eigentlich mit das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung aus diesem architektonischen Business auszusteigen; zu sagen: da verdummst du, obwohl du mittendrin sitzt. Das war eine ganz rationale, strategische Entscheidung. Es war die Überlegung, dass die klassischen Rezepte nicht reichen. Also überlegst du dir ein Geschäftskonzept, wie es dann heisst wenn du zur Bank gehst, überlegst dir eine Strategie und folgst dieser in einer ganz normalen Unternehmensgründung. So war es mit dem Architekturbüro und genauso war es mit der Architekturgalerie, die wir von vorneherein auch mit der Absicht aufgebaut haben einfach Leute zu erreichen. Und zwar nicht Leute, die hier wie wir denken und deswegen diesen Ort aufsuchen, sondern Leute, die nicht wissen, was wir machen; deswegen sind wir mit der Galerie mitten in die Innenstadt gegangen und versuchen, die Leute nach ihrem Prada-Shopping bei uns reinzulocken und sie mit Architektur zu penetrieren. Genauso machen wir das mit dem Klienten, der bei uns reinkommt und einfach durch die Galerie muss. Gut, der begreift das als Café, für uns ist das aber auch Büro. Da kommen wir auch wieder zu den Begrifflichkeiten. Die Begrifflichkeit wird bei uns hauptsächlich von aussen definiert, und zwar immer aus der Perspektive desjenigen, der ein Wort dafür zu finden versucht. Von rechtlicher Seite her heisst es "Gewerbetreibender","Freier Beruf" oder sonstwas. Ansonsten machen wir das, was du auch gesagt hast: wir gehen unseren Interessen nach.

 

Kanzler

Ich glaube, diese ganzen Bars sind so eine Art Glimmen, ein kulturelles Leuchten, Signale, die ausgeströmt werden. [...] Diese Bars sind eine Art von Kommunikation. Wir suchen quasi die Reste kultureller Möglichkeiten, die noch da sind. Energie suchen wir letztendlich. Und so funktioniert, glaube ich, auch das Kanzler; und das funktioniert sehr gut. Also eigentlich bin ich wahnsinnig traurig über die Situation, in der wir leben. Es ist eine Katastrophe, wenn ich euch so zuhöre, euch Blauraum-Menschen, wie ihr so schick angezogen seid, wie ihr so souverän-unternehmerisch daherkommt.

 

Ich habe hier schon oft mit Leuten gesprochen darüber, was sind die Gemeinsamkeiten, was verbindet uns. Die meisten Leute bezweifeln, dass es Gemeinsamkeiten gibt, weil die Ansichten, die Weltbilder so unterschiedlich sind, die Produkte die rauskommen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es eine ganz grosse Gemeinsamkeit gibt. Diese Gemeinsamkeit ist letzten Endes der Anspruch, nicht einfach für den Broterwerb zu arbeiten, sondern das man irgendwie etwas tun möchte, worüber man sich freut und wo man stolz darauf ist. Ich glaube, das verbindet alle, die hier sitzen.

 

Annapril

Es ist etwas überspitzt ausgedrückt, Architektur interessiere mich nicht; aber in gewisser Weise ist es auch richtig. Die Sicht des Architekten auf die Stadt interessiert mich wenig, solange sie nur von der Architektur aus betrachtet wird. Unser Prinzip ist es, die Dinge von verschiedenen Richtungen zu beleuchten. Auch wenn sich das ursprünglich eher intuitiv entwickelt hat, ist daraus die Hoffnung entstanden, mit diesem Ansatz komplexer werdende Fragen unserer Umwelt angehen zu können. Das kann nicht nur von der Architektur ausgehen. Es geht um neue Ansätze, die nicht nur einem "so-geht-es-nicht-wie-es-bisher-war", oder einem "wir-müssen-das-aus-der-schlechten-Auftragssituation-heraus-machen" entspringen, sondern die wirklich eine Perspektive bieten, um Probleme anders zu behandeln.