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Volkspalast 2042

Der gegenwärtige Abriss des Palastes der Republik in Berlin markiert das vorläufige Ende einer über Jahre geführten Debatte um die bauliche Gestalt der "Mitte" Berlins. So wenig das Schloss bereits gebaut ist, so alternativlos scheint die Entscheidung für seine Rekonstruktion. - Und dies, obwohl über die bauliche Gestalt hinaus kaum einer der Aspekte der Debatte als geklärt betrachtet werden kann. Dies betrifft sowohl Fragen der Finanzierung, Nutzung und Eigentümerschaft, als auch Fragen zum geschichtlichen Selbstverständnis der Republik und - vor allem - nach dem öffentlichen Charakter eines Gebäudes, das argumentativ den Anspruch repräsentiert, von der Allgemeinheit getragen und genutzt zu werden.

 

Das Projekt Volkspalast 2042 untersucht Architektur als ein Mittel der bewussten Definition, Determinierung und Formulierung von Gesellschaft. "Volkspalast 2042" ist eine gleichermassen utopische wie realistische Unternehmung. Projektionsfläche der Unternehmung ist das Jahr 2042; womit das Projekt einer unmittelbaren Überprüfbarkeit entzogen wird, um gleichzeitig umso relevanter (und zwangsläufig) auf die Gegenwart bezogen zu bleiben.

 

Das Projekt begreift Planung als einen in mehrfacher Hinsicht zeitlich gebundenen Vorgang. Zunächst beinhaltet jede Planung einen zeitlichen Verweis: Entweder - im Sinne des Axioms des "Ewigen Fortschritts" - als Versprechen einer zukünftigen Verbesserung (Wachstum, Qualitität der Lebensverhältnisse, Rendite, Bewältigung eines Problems); oder - wie das Beispiel des Schlosses deutlich macht - im instrumentalisierten Rückgriff auf die Vergangenheit (Die Planung für das Berliner Schloss bezieht seine Legitimation aus dem Umstand bereits existiert zu haben. Hätte es nicht bereits existiert - es würde nicht gebaut. Seine Aura des quasi-natürlichen scheint dabei gebunden an die historische Fotografie. Jedes andere Vorhaben für diesen Ort bleibt in seiner bildlichen Darstellung dagegen ein Artefakt). Weiterhin ist Planung lesbar als die Auseinandersetzung mit einem per Definition zukünftigen und damit in letzter Konsequenz unbekannten Zustand.

 

Jeder Teilnehmer des Studiengangs hat in den drei vorangegangenen Semestern einen individuellen Themenschwerpunkt entwickelt. Diese grundverschiedenen Themen sind Grundlage und Ausgangspunkt der jeweiligen Projekte zum "Volkspalast 2042".

 

Silvan Linden

Juli 2006

 

 

Projekte

 

Schlossfreunde (Caroline Münster)

Ausgehend von ihrer Thesis zu Integrativen Wohnmodellen inszeniert Münster die Rekonstruktion des Berliner Schlosses als eine Geschichte von Ausgrenzung und Partikularisierung. Für einen imaginären Spielfilm beschreibt ein geschlossener Kreislauf von "set designs" - bis zum letztendlichen Untergang der Gemeinschaft der Schlossfreunde im Jahre 2042 - den Aufbau des Schlosses als Errichtung eines Staates im Staate; unter konsequenter Anwendung gültigen Völkerrechts, der Grundgesetze des Marketings und der "Ökologie der Angst". >>

 

 

Alle oder Keiner (Christian Dorsch)

Das Projekt betrachtet die Typologie des Einfamilienhauses als wörtliche Entsprechung des "Volkspalastes" und untersucht zwei Extremszenarien zur Entwicklung dieser Typologie.

A - Bis 2042 bewohnen - im Sinne der einer Verstärkung der gegenwärtigen Entwicklung - ALLE Einwohner der Bundesrepublik ein Einfamilienhaus.

B - Bis 2042 bewohnt - mit Blick auf steigende Energiepreise, Flächenverbrauch, Überalterung der Gesellschaft, überhitzter Immobilienmarkt etc. - NIEMAND mehr ein Einfamilienhaus.

In Modell A teilt sich die Fläche der Bundesrepublik gleichmäßig unter 75 Mio. Einwohnern auf. Die Ein-Personen-Haushalte verfügen als komplette Selbstversorger über jeweils 1/75 Mio. der Wald-, Acker-, Erschliessungsfläche usw.

In Modell B verdichtet sich die Siedlungsfläche auf die bestehenden Stadtkerne. Der prototypisch entwickelte Haustyp erlaubt jedem Haushalt einen eigenen ebenerdigen Eingang, eine eigene Fassade und Freibereich innerhalb einer hochverdichteten mehrgeschossigen Struktur. >>

 

Vorstellungsorientierung (Jürgen Lehmeier)

Ausgehend vom geologischen Phänomen der Karstkegel und ihrer auffällig guten Vewendbarkeit in der Tourismusindustrie als Träger einer Vorstellung des Ursprünglichen und Schönen untersucht Lehmeier die Mechanik der Vorstellungsorientierung. Die Deckungsgleichheit dieser Vorstellungsorientierung in der Vermarktung der Kegel und der Kampagne für das Berliner Schloss veranlasst Lehmeier zur Entwicklung einer prototypisch auf dem Marx-Engels-Forum angewendeten Baustruktur, die "Naturraum" und "Kulturraum" miteinander verwebt. Der Logik der Vorstellungsorientierung folgend ist der Naturraum dabei strikt vom Kulturraum getrennt; d.h. nicht zu betreten, "wild" und ein Objekt der reinen Anschauung. >>

 

Personal Contract For The Composition Of A Palace (René Rissland)

In Adaption des "Personal Contract For The Composition Of Music" von Matthew Herbert erarbeitet Rissland eine abstrakte Anleitung zur Erstellung eines Palastes unter ausschliesslicher Verwendung von CAD-Software - ohne jedoch auf vorhandene Palastarchitekturen, Bibliothekselemente oder anderer architektonischer Standards zurückzugreifen. Ziel ist es, mit den digitalen Werkzeugen wie Sampling, Filter, Pasteboard so zu arbeiten, dass gleichzeitig die systemimmanente Logik der Reproduktion des Immergleichen und Vorformatierten unterlaufen wird; zum Zwecke einer vollständig neuen, referenzlosen Architektur. >>

 

 

Berlin, Peking parallel (Xiaolong Sun)

Die bauliche Entwicklung des Tiananmen-Platz in Peking ist unmittelbarer Spiegel der politischen Geschichte Chinas. Als Endpunkt einer 8 Kilometer langen Achse direkt vor der Verbotenen Stadt gelegen, war er Teil der kaiserlichen Rauminszenierung, bevor er zunächst geöffnet, dann unter Mao radikal umgestaltet wurde und bis heute auf symbolischer wie politischer Ebene das absolute Zentrum der Volksrepublik darstellt. Aller Radikalität der baulichen Eingriffe zum Trotz analysiert Sun den Wandel des Platzes als Fortführung einer letztlich ungebrochenen Ideologie - und stellt der Herrschaftsarchitektur Pekings die der Hauptstadt Berlin mit Unter den Linden, Schloss etc. gegenüber, um für beide Stadträume aus strikt chinesischer Perspektive eine bauliche Weiterentwicklung zu skizzieren. >>

 

Public Images (Silke van't Hoen)

Städtische Räume erschließen sich heute wesentlich über Imageproduktionen. (z.B. ist der Blick auf die eigene Stadt maßgeblich von den gleichen Reportagen bestimmt, die auch Touristen betrachten) Nachdem van't Hoen in ihrer Thesis eingehend untersucht hat, mit welchen Strategien Marken den öffentlichen Raum besetzen und in ihrem Gebrauch prägen (was der Vorstellung einer geschichtlich-organisch gewachsenen, und damit unverwechselbaren, Identität von Stadt diametral zuwiderläuft) - unternimmt sie nun in einem vierdimensionalen Stadtmodell den Versuch, exemplarisch für das Areal des Berliner Schlosses die Überlagerung eines kollektiven Bewusstseins mit der baulichen Stadtentwicklung und einer (subjektiv gefilterten) Ereignisgeschichte bis ins Jahr 2042 zu extrapolieren. Der Arbeit liegt die These zugrunde, dass sich in diesem unhierarchischen Wahrnehmungsgefüge unter Einfluss von einzelnen Ereignissen und Räumen (bzw. Raumbildern) gleichermaßen kontinuierlich die Vergangenheit verändert, wie der Blick auf die Gegenwart neu prägt.

 

Inhalt und Oberfläche (Liv Gnutzmann)

Grundlage des Projektes ist die detaillierte Untersuchung einer Siedlung von 22 gleichartigen Winkelbungalows in Privatbesitz, bzw. der baulichen und sozialen Veränderungen, die sich dort seit der Fertigstellung 1981 vollzogen haben. Charakteristisch für die Entwicklung ist zunächst, dass sich die Einzelhäuser nicht in gegenseitiger Abgrenzung "individualisiert" haben, sondern in einem System von Anpassung und Abgrenzung die Kohärenz der Siedlung grundsätzlich erhalten geblieben ist. Im Rahmen ihres Projektes für den "Volkspalast 2042" formuliert Gnutzmann sieben Gesetzmäßigkeiten, die die Siedlung als ein dynamisches System der Parameter "Inhalt", "Oberfläche", "Gruppe", "lokaler" u. "globaler Einfluss" beschreibbar machen. Innerhalb dieser Gesetzmäßigkeiten ermittelt das Projekt die weitere Entwicklung der Siedlung und ihres sozialen Gefüges bis zum Jahr 2042.

 

Private City (Katharina Karasjewa)

Ein Individuum definiert sich in Abgrenzung zu Anderen, zur Gesellschaft. Gleichzeitig vereint dieser Umstand alle Individuen. Alle sind gleich in dem Bedürfnis nach Unterscheidbarkeit. Karasjewa analysiert die Stadt als ein Gefüge der Gleichzeitigkeit verschiedenster individuell-autonomer Konstruktionen von Individualität innerhalb des gleichen Raums. Auf Grundlage eines über mehrere Wochen geführten "Wahrnehmungstagebuchs", umfangreichem Foto- und Filmmaterial erstellt sie eine Reihe von "Kleinst-Filmen", die sich zu einem Panoptikum von parallelen Wahrnehmungen, Maßstäben und Realitäten verflechten.

 

 

 

a42.org / master of architecture

Gastprof. Silvan Linden

Bruno Ebersbach, Philipp Reinfeld

mit besonderem Dank an Christian Posthofen