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Christian Illies

Bauen Denken Demonstrieren

Der Streit um "Stuttgart 21" ist ein Kampf um die Zukunft unserer Gesellschaft

 

Langfassung des Artikels Hauptbahnhof Heidegger im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (2.9.2010).

 

Warum besitzt Architektur neuerdings politische Sprengkraft? Die Waldschlösschenbrücke über die Elbauen entzweit nicht nur Dresden, sondern empört Menschen in ganz Deutschland. Nach zehn Jahren hat der Streit um das Berliner Stadtschloss wenig von seiner Heftigkeit verloren. Und nun strömen alte wie junge Menschen in Stuttgart gegen das große Bahnprojekt auf die Straße und blicken zornig auf den Abrissbagger, dessen Drachenkopf sich knirschend in den Nordflügel des Bahnhofs frisst. Die gesellschaftlichen Debatten um die Architektur haben das Herz der alten Bundesrepublik erreicht.

 

Diese Entwicklung kann überraschen. Bis Ende der 1980er Jahre war die Baugestalt unserer Städte vor allem ein Thema für Fachleute, Investoren und Gelehrte; nur vereinzelt wurde sie zu einem Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. Man demonstrierte gegen Atomkraftwerke, marschierte gegen Raketen oder fesselte sich gegen neue Startbahnen an Bäume; aber kaum je erhoben sich Bürger oder Studenten gegen Planer und Abrissbirnen, mit denen unseren Städten eine "moderne" Gestalt gegeben wurde. Dabei war der Wandel des Stadtbildes radikal und betrifft fast alle – die traditionelle Stadt mit ihren Bauwerken und Ensembles, bzw. was der Krieg davon übrig gelassen hatte, musste nur zu oft ökonomischen Interessen und dem Leitbild einer funktionalen, verkehrsgerechten Stadt weichen.

 

Wieso lassen sich erst jetzt Zehntausende mobilisieren, um mit Kerzen vor Bauzäune zu ziehen, während sie stumm blieben, als in den sechziger und siebziger Jahren vor ihren Augen ganze Städte ihr Gesicht verloren? Wäre es nur der verspätete Protest gegen die Monotonie und Tristesse moderner Architektur, dann müssten die Demonstrationszüge heute auf die Gleisanlagen hinter dem Stuttgarter Bahnhof führen, auf denen ein Stadtviertel geplant wird, das in vieler Hinsicht nahtlos an die monströsen Banalitäten der 1960er Jahre anzuschließen scheint. Aber der Protest entzündete sich am Abriss des Nordflügels, wo nach den Plänen des Architekten Christoph Ingenhoven unterirdisch die durchaus schöne, Licht durchflutete Haupthalle des neuen Hauptbahnhofs entstehen soll und wo man überirdisch einen vitalen öffentlichen Raum erwarten darf. Was bewegt die Menschen, was weckt heute ihre Leidenschaften angesichts von Bauvorhaben so heftig, dass Planer wie Politiker vom Protest wie von einem Platzregen überrascht werden?

 

Einer möglichen Erklärung kommt man näher, wenn man einen eigenartigen Aspekt dieser Debatten und Proteste in den Blick nimmt: Sie sind häufig moralisch aufgeladen. Vor allem, wenn es um die Rekonstruktion von Bauwerken geht, werden moralische Keulen geschwungen; es geht darum, was "ehrlich" und "verlogen" sei, oder was man heute noch "dürfe" – es klingt wie bei einem Kampf zwischen Gut und Böse. Diesen hohen Ton der Moral kennen wir sonst nur beim Aufeinanderprallen von fundamentalen Überzeugungen wie in der Diskussion um Schulformen oder Fragen sozialer Gerechtigkeit.

 

Gerade deswegen können wir vermuten, dass es auch bei der Architektur heute nicht nur um ästhetische Fragen, sondern um Grundsätzliches geht. Es stoßen auch beim Bauen fundamentale Überzeugungen aufeinander, denn die Architektur läßt sich als ein öffentlicher und offensichtlicher Ausdruck dessen deuten, wie sich eine Gesellschaft letztlich versteht: Wie wir bauen zeigt, was uns wichtig ist und was wir wollen. In Dresden, Berlin und Stuttgart geht es durchaus ums (weltanschaulich) Eingemachte – und die Leidenschaftlichkeit erklärt sich daraus, dass in der gebauten Form konkurrierende Vorstellungen viel deutlicher und greifbarer werden als in abstrakten Argumenten oder Parteiprogrammen. Bauwerke sind in oft aufdringlicher Weise sinnlich präsent; in einer stark visuell orientierten Kultur wie der unsrigen werden sie daher zu einer markanten Artikulation von Standpunkten. Flugblätter kann man zum Altpapier geben, aber Häuser sind Stein gewordene Ideologien, in denen Menschen leben müssen.

 

Martin Heidegger, dessen Einfluss auf die Philosophie der Architektur kaum überschätzt werden kann, hielt 1951 einen dunklen Vortrag mit dem Titel "Bauen Wohnen Denken". Auch wenn seine Kritik an der Moderne und seine Rückwendung zu alten Lebensformen mehr Fragen aufwirft als beantwortet, hat er den Zusammenhang zwischen der Weise, wie wir bauen, welche Form des Wohnens dort möglich ist, und wie wir die Welt und uns selbst denken, erstmals deutlich ausgesprochen. Die noch junge Architektursoziologie, wie sie im deutschsprachigen Raum vor allem von Joachim Fischer und Heike Delitz vertreten wird, hat diese Deutungskraft der Architektur für den Teilbereich gesellschaftlicher Selbstbestimmung luzide gemacht. Hier wird die Architektur als zentraler symbolischer Ausdruck einer Gesellschaft verstanden, in der sich diese spiegelt und zugleich konstituiert: Die Baugestalt führt zu einer bestimmten gesellschaftlichen Lebensform. In der Bauweise gewinnt so das Imaginäre einer Zeit Gestalt, also das, was sie sein könnte oder sein will. Dabei ist Architektur gleichsam unübersehbar und kommuniziert deswegen deutlicher als andere Medien diese Vorstellungen. Joachim Fischer spricht treffend von einer "Sinnofferte", die zugleich eine Stellungnahme des Betrachters und Benutzers eines Bauwerks einfordert. Gebäude legen zum Beispiel die Differenzierung von Funktionen nahe, sie ziehen Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, sie bestimmen Bereiche (und Inhalte) von Arbeit, Freizeit und Konsum. Unterschiede zwischen sozialen Schichten werden baulich betont oder nivelliert, Tätigkeiten ins Zentrum gestellt oder an die Peripherie gedrängt und nicht zuletzt Machtverhältnisse ermöglicht und manifestiert (wie besonders Michael Foucault herausgehoben hat). Und auch das Verhältnis zur Vergangenheit wird sinnlich greifbar, etwa beim Rückgriff auf alte Stile oder den Umgang mit Denkmälern.

 

Das erhellt auch, warum das Ringen um die Baugestalt der Städte erst jetzt so unversöhnlich ausgetragen wird, da unsere Gesellschaft vor gewaltigen Veränderungen und Unsicherheiten steht, die Grundsatzentscheidungen fordern. In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg gab die schreckliche Vergangenheit der Imagination einer besseren Gesellschaft wenigstens die groben Konturen vor. Eine solche Hilfestellung gibt es für die Berliner Republik nicht mehr, jedenfalls keine, die auf einen allgemeinen Konsens hoffen dürfte. Wir haben keine historischen Vorbilder für die ideale Gestalt einer multikulturellen und hoch-technisierten Industriegesellschaft in einer globalisierten, von ökologischen, ökonomischen und politischen Krisen bedrohten Welt. Wir müssen uns als Gesellschaft für die Zukunft völlig neu bestimmen.

 

Und die Bürger haben erkannt, dass auch in der Architektur, die wir wählen, diese große Frage nach einer modernen Bürgergesellschaft entschieden wird. Es geht in Stuttgart nicht nur um den Erhalt der Bahnhofsflügel oder einige Minuten Zeitersparnis, nicht lediglich um die gewaltigen Bausummen oder um eine bessere Verkehrsanbindung. Dahinter steht die Frage, ob wir die hier gemachte "Sinnofferte" annehmen. Welcher Stellenwert soll etwa der Mobilität zukommen? Hat das technisch Machbare noch einen Sinn und Nutzen oder wird es zu einem Selbstzweck? Wie gehen wir mit dem Alten um und was kann und darf bestehen bleiben?

 

Was die Menschen erregt, ist nichts weniger als die Frage nach der Gesellschaft, in der wir leben wollen, und dem Weltbild, welches sich damit verbindet. Entscheidendes steht auf dem Spiel und fast alle großen gesellschaftlichen Fragen werden beim Projekt Stuttgart 21 aufgeworfen, ja wie in einem Brennglas gebündelt - deswegen sollte es nicht verwundern, dass so viele Menschen leidenschaftlich entbrannt sind.